Gautschen 2018 - Nichts für Nichtschwimmer

28. September 2018 Jonas Wilhelm – MohnMedia, Veranstaltungen

Samstag, 14. Juli 2018. Die Sonne scheint, es ist kurz vor 11 Uhr.

 

Die Gautschlinge, auch genannt Kornuten, haben sich bereits um die Bütte versammelt. Die Bütte (okay, eigentlich ein Pool) ist gefüllt mit Wasser, um die Lehrlinge vom Schmutz, den Altlasten und der Druckerschwärze der Lehrjahre zu befreien. Denn diese waren nun vorbei. Wir hatten unsere Abschlussprüfungen bestanden. Aus Lehrlingen wurden Gesellen.

 

Moment.

 

Erst einmal mussten die Zeugnisse übergeben werden. Jeder Noch-Azubi bekam eine Mappe mit den Zeugnissen, ein Geschenk und Glückwunschen vom Betriebsrat und der Geschäftsleitung. Natürlich unter dem tosenden Applaus unserer Familien, Freunde und Kollegen. Ihnen wurde bei Freibier, Pommes und Steakbrötchen beste Unterhaltung geboten.

Bei den Kornuten stieg derweil die Anspannung. Würde das Wasser kalt sein? Und wer musste als Erster dran glauben? 

Wie es die Tradition vorgibt, betrat der Gautschmeister, Dietmar Meier – der Ausbilder der Medientechnologen Druck – das Geschehen, historisch gekleidet, im roten Gewand. Das Gautschen war damals nur Druckern vorbehalten, jetzt dürfen auch die Buchbinder und Mediengestalter mitmachen. Er erläuterte allen Anwesenden noch einmal die Tradition des Gautschens. Wirklich konzentrieren konnten wir uns jedoch nicht. Vielmehr lenkten uns die Vorbereitungen der Packer und Schwammhalter ab, die bereits das Wasserbecken füllten und Schwämme befeuchteten.

Konnte es nicht endlich losgehen? Als Herr Meier seine Rede beendet hatte, war für uns klar, dass es jetzt losgehen musste. Doch auch hier wurden wir wieder auf die Folter gespannt. Zuerst gab es noch für jeden Kornuten ein Glas Freibier.

Jetzt musste es doch endlich losgehen! Herr Meier rief die ersten Namen auf. Dabei ging er nicht nach Alphabet vor, sondern durcheinander, egal welche Berufsgruppe. Für Spannung musste ja schließlich gesorgt sein.

Es sei künftig mein Bestreben, zu führen stets ein tugendhaftes Leben.

Herr Meier sprach vor, die aufgerufenen Kornuten sprachen ihm nach. Und wenn er sie einmal nicht verstand, wurden sie schon vor der Bütte mit Wasser übergossen. Sprach man ihm richtig nach, rief er „Packer, er ist in Eurer Mitte! Auf, setzt ihn in die Bütte!“. Jetzt nahmen die Packer den Kornuten und warfen ihn in die kalte Bütte. Glücklicherweise schien an diesem Tag ja die Sonne. Man konnte sich also schnell wieder aufwärmen.

Nach und nach wurde so jeder Lehrling gegautscht. Die Ausbildung war also offiziell vorbei. Wir waren in den Kreis der Gesellen aufgenommen worden. Nach dem Wechseln unserer nassen Kleidungwurden feierlich die Gautschbriefe überreicht.

Diese sollte man auch stets dabei haben, denn ist man ohne Gautschbrief beim Gautschfest, wird man natürlich nochmal in die Bütte geworfen. Egal ob Lehrling, Geselle oder Meister!

Ich persönlich freue mich natürlich schon sehr auf das Gautschfest im nächsten Jahr. Endlich kann ich wieder als Beobachter dabei sein und dabei zuschauen, wie meine ehemaligen Mit-Azubis zu „richtigen“ Kollegen werden.

Jonas Wilhelm
Sag uns was du denkst!